Stadtpendeln

Es ist wieder soweit. Der Morgen fordert von mir sein tägliches Ritual ein, immer montags bis freitags. Die Schuhe sind gebunden, die Jacke – je nach Jahreszeit – angezogen und der Rucksack gepackt auf dem Rücken. Ich öffne die Tür und die Routine beginnt: Der tägliche Weg zur Arbeit. Der erste Abschnitt des Wegs führt mich durch das Treppenhaus in die Tiefgarage. Das künstliche Licht ist noch grell so früh am Morgen. Hinter der Feuerschutztür am Ende des Gangs wartet im Winter bereits die Kälte, im Sommer hingegen angenehme Kühle. Ich schalte das kalte Neonlicht ein und trete in die Mitte der Garage. Es folgt ein kurzer Zug am von der Decke hängenden Seil. Ein rotes Licht signalisiert das sich öffnende Garagentor, sehen kann man es nicht. Tageslicht erhellt langsam die Auffahrt. Der Weg wird frei nach draußen. Schnell nehme ich mein Fahrrad und schiebe es nach oben.

Jetzt folgt der schönste Teil des Wegs. Überhaupt ist Fahrradfahren eine der schönsten Dinge des Alltags. Die Leichtigkeit, die beim rhythmischen Pedalieren entsteht, ist wunderbar. Diese Leichtigkeit bringt mich zuverlässig auch bei Regen und Schnee zu meinem nächsten Etappenziel. Es ist das Wegstück, an dem ich meinen Kopf frei bekomme und den Tag das erste Mal begrüße. Ich habe das Glück, dass ich durch eine sehr ruhige Gegend fahren kann. Nur vereinzelt stören Autos oder kreuzen Kinder auf ihren Tretrollern den Weg. Gleichzeit ist diese Ruhe natürlich auch der Grund, weshalb mein Weg zur Arbeit eine Weile dauert. Doch in diesem Moment denke ich nicht daran.

Das Fahrrad geparkt geht es zur U-Bahn an den Bahnsteig. Endstation. Die Sonne scheint am Siemens-Gebäude vorbei auf den oberirdischen Bahnhof. Im besten Fall steht die U-Bahn bereits da und ich steige ein. Im schlechtesten Fall muss ich 10 Minuten warten. Das Gute: Ich bekomme garantiert immer einen Sitzplatz, zumindest für diesen ersten Teil der Fahrt.

In der U-Bahn gilt es, sich nicht durch die Menschenmassen stressen zu lassen. Es fällt schwer. Spätestens ab der dritten Station ist der Wagen so voll, dass man nur noch Beine, Füße und Hintern sieht. Gerüche mischen sich zu olfaktorischen Kuriositäten, die Temperatur steigt zusammen mit der Luftfeuchtigkeit. Lesen hilft. Einfach den Blick und den Geist in die Zeitung, das Buch oder die Twitter-Timeline vertiefen und die Umgebung möglichst ausblenden. So lässt sich die Fahrt einigermaßen meistern. Schlimm wird es erst nach dem Umsteigen, denn dann muss ich oft froh sein, überhaupt noch in die U-Bahn zu kommen. An Sitzen und Lesen ist nicht mehr zu denken. Die Menschenmassen holen mich ein.

Gleich ist es geschafft. Ich verlasse die U-Bahn, schiebe mich mit hunderten anderer die Treppe vom Bahnsteig in die Unterführung und biege links ab. Das ist der Punkt, an dem die Anspannung abfällt. Links abbiegen. Die meisten gehen rechts Richtung Bus. Doch ich habe keine Lust auf ein weiteres mal Umsteigen, wieder warten und auf Menschen in einem engen Verkehrsmittel. Ich gehe den knappen Kilometer zum Büro zu Fuß. Und obwohl ich am vielbefahrenen Frankfurter Ring entlang muss, die Lastwagen und Autos rauschen an mir vorbei, tut der Spaziergang gut. Am Ende warten noch fünf Stockwerke auf mich, die ich meist per Treppe erklimme. Damit endet der allmorgendliche Arbeitsweg. Ich gehe ins Büro, hänge meine Jacke auf und schalte den Rechner an. Ein neuer Arbeitstag beginnt.